Über die Neuübersetzung

Warum sind Neuübersetzungen nötig?

Laut dem Lexikon der Weltliteratur von 1972 existierten bereits damals mehr als sechzig Ausgaben des Romans „Robinson Crusoe“ (dazu gehören aber wohl auch Adaptationen sowie Umarbeitungen früherer Übersetzungen). Auch zum Weltklassiker „Der kleine Prinz“ gibt es viele Neuübersetzungen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber warum müssen gewisse Bücher immer wieder neu übersetzt werden? Nach einer Begriffsbestimmung der Neuübersetzung versuchen wir im folgenden Blogartikel die häufigsten Gründe zu nennen.

 

Definition der Neuübersetzung

Meistens spricht man von einer Neuübersetzung (retranslation), wenn vom selben oder zwei verschiedenen Übersetzern mehrere Fassungen eines ausgangssprachlichen Textes – zeitgleich oder zeitversetzt – angefertigt werden (Xu Jianzhong 2003: Direkte Neuübersetzung, s. Vándor 2010) Unter einem anderen Aspekt betrachtet kann die Neuübersetzung auch bedeuten, dass ein übersetzter Text als Ausgangstext zur Übersetzung in eine dritte Sprache verwendet wird (Xu Jianzhong 2003: Indirekte Neuübersetzung). Das ist vor allem der Fall, wenn der Übersetzer die Ausgangssprache nicht beherrscht. Solche über eine Vermittlersprache erstellten Übersetzungen entstanden und entstehen zumeist zwischen entfernten Kulturen (so wird die chinesische Literatur heutzutage meist immer noch aus dem Englischen oder Russischen ins Tschechische und Slowakische übersetzt), aber im 19. Jahrhundert diente z.B. die tschechische Übersetzungsliteratur als Vermittlerin zwischen der deutschen und der slowakischen Literatur.

 

Gründe der Neuübersetzung

1. Unterschiedliches Textverständnis

Banal, aber wahr: Es gibt keine perfekte oder optimale Übersetzung, was viele Übersetzer als Anreiz nehmen, ein Werk immer wieder neu zu übersetzen.

Als klassisches Beispiel gilt das Gedicht „Erlkönig“ von Goethe, an dessen Übersetzung sich eine große Anzahl ungarischer Schriftsteller und Dichter heranwagte. Davon zeugt auch eine entsprechende Titelvielfalt (mehr dazu s. im Beitrag von Nóra Farkas in der Zeitschrift Iskolakultúra, 2007):

  • Tündérkirály (Endre Pap, Kálmán Thaly, Géza Képes)
  • A cserfa-király (Lajos Dóczi)
  • A lidérckirály (Lajos Szigethy)
  • A rémkirály (Zoltán Závodszky)
  • A villikirály (István Vas, Károly Szász)
  • Törpekirály (Béla Szász)

Schwieriger wird es, wenn eine Übersetzung kanonisiert wird. Die Shakespeare-Kommission führte in den 50er Jahren eine sehr heftige Debatte darüber, was mit den klassischen ungarischen Shakespeare-Übersetzungen passieren soll: einige sprachen sich für eine Korrektur aus, andere waren dagegen. Eine Korrektur der Übersetzung von Arany kam jedoch nicht in Frage (s. den Beitrag von Mária Borbás). Manchmal lohnt es sich jedoch, selbst kanonisierte Übersetzungen neu zu interpretieren. Die neue Hamlet-Übersetzung von Nádasdy zum Beispiel stieß sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum auf ein sehr positives Echo. Zugleich betonte Nádasdy, dass seine Neuübersetzungen nicht aus dem Grund entstehen, weil frühere Übersetzungen nicht in Ordnung seien. Er möchte vielmehr dem Leser die Möglichkeit geben, eine seinem Geschmack entsprechende Textdeutung zu finden.

Ein unterschiedliches Textverständnis entsteht auch, wenn ein Übersetzer – entgegen früherer Übersetzungstradition – eine andere Funktion des Werkes hervorheben möchte. Wir verweisen wieder auf Ádám Nádasdy: In seiner 2008 an der Széchenyi Akademie für Literatur und Kunst verlesenen Antrittsrede erklärte er, dass er bei der Übersetzung Dantes Göttlicher Komödie – in der Tradition der meisten deutschen und englischen Commedia-Übersetzungen – die dramatische Funktion in den Vordergrund stellte, was sich vorwiegend an der Verwendung ungereimter Zeilen bemerkbar macht. Für ihn sei es nämlich wichtiger, „zu vermitteln, was Dante schrieb, als zu zeigen, wie sich Dante ausdrückte.“

Interessant dabei ist die Beziehung zwischen alter und neuer Übersetzung bzw. dem Original. „Later translations tend to be closer to the source text“, heißt es im Sinne der sog. Neuübersetzungshypothese (retranslation hypothesis) Chestermans (2004). Nun stellt sich mit Recht die Frage, was „closer“ bedeutet. In welchem Sinne ist die Übersetzung näher am Originaltext? Inhaltlich, sprachlich oder stilistisch? Nach Goethes Meinung bieten Neuübersetzungen dem Leser eine immer „bessere“ und „vollkommenere“ Lektüre. (s. Vándor 2010). Diese Auffassung hing wohl mit der sprachlichen Entwicklungstheorie zur Zeit der Romantik zusammen: Sprachen entwickeln sich wie andere Organismen, folglich müssen auch Übersetzungen diesen Entwicklungsweg gehen.

Dichter und Übersetzer László Lator (2008: 117) meint hingegen, dass sich ab einem gewissen Punkt keine besseren Übersetzungen mehr ergeben: „Viele Dichter und Dilettanten glauben, dass sie eine bessere Übersetzung anfertigen können als ihre Vorgänger, oder dass es in der früheren Übersetzung etwas gibt, was sie korrigieren müssen. [...] Ab einem bestimmten Punkt wird es jedoch nicht besser.“ So sollte auch das Gedicht „A vándor éji dala“ (Wandrers Nachtlied) von Goethe nicht mehr übersetzt werden.

 

2. Unzufriedenheit, Fehlübersetzungen, sprachliche Ungenauigkeiten

Neue Übersetzungen können auch wegen einer als nicht angemessen eingestuften Übersetzung entstehen, so z.B. im Fall des „Kleinen Prinzen“. Das Werk von Saint-Exupéry wurde zum ersten Mal 1957 von Miklós Zigány übersetzt, der Text wurde jedoch als unangemessen empfunden, so dass 1970 György Rónay mit einer neuen (und inzwischen zum Klassiker avancierten) Übersetzung beauftragt wurde. Auch sonst hervorragende Übersetzungen können Textteile enthalten, die von einer Fehlinterpretation herrühren. So recherchierte der ungarische Dichter Ádám Nádasdy bei der Übersetzung von Shakespeare‘s Hamlet solange nach, bis er herausfand, dass das Wort „better” im Satz „I took thee for thy better” „Vorgesetzte“ bedeutet. In der Übersetzung von János Arany steht fälschlicherweise „Különbnek véltelek” („Ich hielt dich für besser“), obwohl es ein wichtiges Moment der Szene darstellt (Jeney/Józan 2008: 171).

 

3. Veralterung von Texten

Die Veralterung von Texten als natürliche Folge sprachlicher Veränderung ist einer der meistgenannten Gründe für Neuübersetzungen. Bereits der slowakische Übersetzungsforscher Anton Popovič wies darauf hin, dass Übersetzungen weniger langlebig sind als das Original: „Übersetzungen verjähren schneller als das Original.” (Bart/Klaudy 1980: 199) Die Veralterung eines Textes an sich würde aber wohl kaum eine Neuübersetzung rechtfertigen, denn sonst müsste man auch das Original von Zeit zu Zeit neu schreiben (was natürlich auch nicht ohne Beispiel ist).

Mit genauen Zahlen lässt sich nicht belegen, wie viel Zeit zu einer Neuübersetzung oder einer Umarbeitung vergehen soll, aber gewöhnlich setzt man die Verjährungsfrist der Texte auf 50-60 Jahre (s. die Meinung von Miklós M. Nagy in: Goretity 2006).

 

4. Wandel der Übersetzungsnorm

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts galt die adaptierende Übersetzung als Norm, später ging man immer mehr zu einer wortgetreuen Übersetzung über. Während es also früher üblich war, dass sich eine Übersetzung wie das Original las, ist es heute kein Problem mehr, wenn die Übersetzung als solche erkannt wird: „Eine Übersetzung soll als [...] Übersetzung gelesen und akzeptiert werden. Wie sich eine Skulptur oder ein Gemälde nicht mit dem Modell vergleichen lässt, so sollte man auch nicht eine Übersetzung am Original messen..." (Albert 2003: 49, Hervorhebung im Original).

Die Veränderung der Norm zeigt sich in eindrucksvoller Weise am Problem der Übersetzung von Eigennamen. Früher lag die Übersetzung von Namen voll im Trend („Gyula Verne“, alias Jules Verne, ist wohl jedem Ungarn bekannt), heute bleiben jedoch die Namen in ihrer ursprünglichen Form erhalten (s. Mártonyi 2010). Die ungarischen Übersetzungen des Abenteuerromans „Die Schatzinsel“ (1883) veranschaulichen sehr deutlich diese Tendenz. In den Übersetzungen von Emil Kürthy (1887) und György Király (1920) wurden die Namen eingebürgert, in den späteren Übersetzungen erscheinen sie jedoch in ihrer Originalform (Gábor Devecseri 1943, László Gy. Horváth 2004, Zoltán Majtényi 2007).

 

5. Kommerzielle Gründe

Nicht selten wird eine Neuübersetzung aus Geldgründen angefertigt, weil das günstiger ist, als die Rechte an einer früheren Übersetzung zu erwerben.

 

6. Unübersetzbarkeit als Motiv zur Neuübersetzung

Paradoxerweise kann auch das Konzept der Unübersetzbarkeit zu Neuübersetzungen veranlassen: „[...] je unübersetzbarer ein Text empfunden wird, desto mehr reizt er die Übersetzer [...]” (Albert 2003: 64). So wurde zum Beispiel Heideggers „Sein und Zeit“, ein Paradebeispiel für Unübersetzbarkeit, elfmal ins Japanische übersetzt. Auch die als unübersetzbar geltenden Gedichte beflügeln oft die Phantasie von Dichtern und Übersetzern. Hierzu gehört das bereits erwähnte Gedicht „Wandrers Nachtlied“ von Goethe, das unzählige Übersetzungen erfahren hat.

Wie die Beispiele oben zeigen, fallen Neuübersetzungen meist im literarischen Kontext an und sind weniger an Fachübersetzungen gebunden. Welche weiteren Unterschiede zwischen literarischer Übersetzung und Fachübersetzung bestehen, wird im nächsten Blogeintrag behandelt...

 

Anmerkungen

Die Quelle für die lizenzfreien Bilder finden Sie im Impressum.

Literatur

  • Albert Sándor 2003. Fordítás és filozófia. A fordításelméletek tudományfilozófiai problémái és a filozófiai szövegek fordítási kérdései. Budapest: Tinta.
  • Bart István / Klaudy Kinga (szerk.) 1980. Fordításelméleti szöveggyűjtemény. Budapest: Tankönyvkiadó.
  • Borbás Mária 2007. Régi idők tanúja. In: Holmi 19. évf. 6. sz. 755-759. old. Online: http://www.holmi.org/2007/06/borbas-maria-regi-idok-tanuja
  • Chesterman, Andrew 2004. Beyond the particular. In: Mauranen, Anna & Kujamäki, Pekka. (eds.). Translation Universals. Do they exist? Amsterdam and Philadelphia: John Benjamins Publishing Company. 33-49
  • Farkas Nóra 2007. Goethe lírája magyarul - az Erlkönig fordításai. In: Iskolakultúra 2007/8-10. 131-140. Online: http://epa.oszk.hu/00000/00011/00117/pdf/iskolakultura_EPA00011_2007_08_10_133-142.pdf
  • Goretity József 2006. Szentségtörés kijavítani Arany János fordításait? Beszélgetés M. Nagy Miklós műfordítóval. In: Irodalom Visszavág Új folyam/15-2003 TAVASZ-NYÁR. Online: http://www.iv.hu/modules.php?name=IVlapok&op=viewarticle&artid=271
  • Jeney Éva / Józan Ildikó (szerk.) 2008. Nyelvi álarcok. Tizenhárman a fordításról. Budapest: Balassi.
  • Mártonyi Éva 2010. Öt fordító a Kincses-szigeten. A kulturálisan kötött kifejezések változása újrafordított szövegekben. In: Károly Krisztina és Fóris Ágota (szerk.) (2010). Nyelvek találkozása a fordításban. Doktori kutatások Klaudy Kinga tiszteletére, 201–214. Budapest: ELTE Eötvös Kiadó.
  • Vándor Judit 2010. Adaptáció és újrafordítás. ELTE. PhD-disszertáció. Online: http://doktori.btk.elte.hu/lingv/vandorjudit/diss.pdf

 

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